Legalisierung von Cannabis?!

Hanf-legalisierenDie Sächsische Zeitung hat bezüglich der Frage der Legalisierung von Cannabis um ein Statement gebeten. Dieses hochkomplexe Thema lässt sich leider nicht in 2 – 3 griffigen Statements zusammenfassen, zumal gerade bei Drogendiskussionen die Tendenz vorherrscht „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen, zu verallgemeinern und es aufgrund der (in der Natur der Sache liegenden) hohen Dunkelziffer bei Drogenkonsum nur verlässliche Zahlen aus den stationären Bereichen und den Beratungsstellen der Suchthilfe gibt. Speziell für den Landkreis Meißen liegen Martin Oehmichen derzeit keine aktuellen Zahlen vor. Die verschiedenen Positionen der Angeklagten Kommunalpolitiker wurden jedoch bisher in den Veröffentlichungen nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund  veröffentlicht Martin Oehmichen seine Antworten auf die Fragen von Frau Keller im Auftrag der Sächsischen Zeitung.

Notwendige Vorbemerkung:

Der Jahresbericht 2015 der Sächsischen Suchtkrankenhilfe (http://www.slsev.de/Sucht2015.pdf) zeichnet ein deutliches Bild von der Entwicklung des Drogenkonsums in Sachsen: auf hohem Niveau gleichbleibend, wobei alkoholbezogene Störungen die mit Abstand häufigste Behandlungsursache und Crystal die vorherrschende Problemsubstanz im Bereich der illegalen Drogen in der stationären suchtmedizinischen Behandlung darstellt.

Die Entwicklung der Fallzahlen zur allgemeinen Suchtentwicklung im stationären Suchtbereich hat sich im Vergleich zu den Vorjahren auf hohem Niveau eingependelt. Die einzige signifikante Zunahme im Bereich Drogenkonsum ist im Bereich Crystal festzustellen (2010: 6 % – 2015: 19 % [vgl. Jahresbericht der Suchtkrankenhilfe 2015 S. 16 ]). Die Zunahme im Bereich Crystal ist natürlich besorgniserregend da dieser verheerende gesundheitliche und soziale Auswirkungen mit sich bringt.

Der Anteil von Cannabiskonsumenten welche wegen ihres Cannabiskonsums eine ambulante Suchtberatungsstelle aufsuchen, liegt seit Jahren unverändert zwischen 5 und 6 % der Gesamtklientenzahl (Quelle s.o.). Die Anzahl von festgestellten Cannabiskonsum in den Einzeldiagnosen ist dagegen mit fast 20 % sehr hoch, was darauf schließen lässt, dass Suchtkranke häufig jede verfügbare Droge konsumieren und nicht auf bestimmte Substanzen festgelegt sind. Diese 20 % suchen also nicht primär wegen ihres Cannabiskonsums Hilfe, sondern Cannabis wird hier zusätzlich zur primären Droge Problematik konsumiert.

Zum Thema Cannabis und ihren Fragen:

Inwiefern halten Sie angesichts der bedenklichen Sucht-Entwicklung in der Region an der Position „Pro Legalisierung“ fest?

Unabhängig von aktuellen Zahlen und deren Interpretation halten wir an der Legalisierung von Cannabisprodukten fest, da es nicht darum geht, Cannabisprodukte unkontrolliert an alle die es wollen zu verkaufen, sondern Cannabiskonsum aus der Illegalität zu holen, Konsumenten nicht länger zu kriminalisieren und einen effektiven Konsumentenschutz zu ermöglichen. Die Grüne Bundestagsfraktion hat im Jahr 2015 ein Entwurf für ein Cannabiskontrollgesetz vorgelegt, der diese Dinge konkret regeln könnte. Im Kern geht es um eine legale und kontrollierbare Abgabeform von Cannabisprodukten über lizensierte Fachgeschäfte und um eine Entkriminalisierung des Eigenverbrauchs.

Welche Argumente „Pro Legalisierung“ sind für Sie die Entscheidenden?

Cannabiskonsum aus der Illegalität holen

Der Konsum von Cannabisprodukten in der Illegalität hat zur Folge, dass Konsumenten auf dem Schwarzmarkt unkontrolliert auch mit anderen illegalen Drogen in Berührung kommen. Cannabis ist keine Einstiegsdroge die zwangsläufig den Konsum von anderen, härteren Drogen zur Folge hat, dieser Mechanismus ist vor allem eine Folge der zwangsläufigen Beschaffungsillegalität in rechtsfreien Räumen.

Eine weit größere gesundheitliche Gefahr als der Cannabiskonsum an sich, stellt oftmals die Qualität der auf dem Schwarzmarkt angebotenen Drogen dar. Diese enthalten oft zugesetzte Stoffe, von denen eine erhebliche zusätzliche Gesundheitsgefahr ausgeht (z.B. Blei). Bei einer kontrollierten Abgabe können – ähnlich wie bei den Drogen Alkohol und Tabak – unabhängige Kontrollen im Sinne des Konsumentenschutzes durchgeführt werden.

Durch eine kontrollierte Abgabeform würde dem kriminellen Drogenmilieu – welches fließende Übergänge in andere kriminelle Bereiche hat, eine wichtige Existenzgrundlage und Einnahmequelle entzogen.

Nur in der Legalität ist eine Mindestkontrolle an wen Cannabisprodukte abgegeben werden möglich – ähnlich der Altersfreigabe bei Alkohol und Tabak. Auf dem Schwarzmarkt fragt niemand nach dem Ausweis.

Entkriminalisierung von Konsumenten

Cannabis ist ohne wenn und aber eine Droge, mit all ihren Gefahren. Konsumenten die ihren Verbrauch nicht mehr kontrollieren können sind in erster Linie Suchtkranke und benötigen Hilfeangebote und nicht Kriminelle die strafverfolgt werden müssen.

Die derzeit praktizierte Differenzierung zwischen den legalen und gesellschaftlich anerkannten Drogen Alkohol und Tabak und der illegalen Droge Cannabis ist weder medizinisch haltbar noch politisch sinnvoll.

Es gibt in Ausnahmefällen durchaus bereits die Möglichkeit, Schwerstkranke legal mit Betäubungsmitteln zu behandeln (über BTMG-Rezepte). Weshalb halten Sie ausgerechnet die zusätzliche Behandlung mit Cannabis für erforderlich?

Cannabis als Arzneimittel erlebt derzeit eine Renaissance. Insbesondere bei (chronischen) Schmerzpatienten werden erstaunliche Ergebnisse erzielt. Im Vergleich zu anderen Arzneien weist Cannabis nur geringe Nebenwirkungen auf. Wenn Cannabisprodukte die gleiche oder sogar eine bessere Wirkung bei Patienten hervorrufen wie andere Medikamente, sollte dies ohne ideologische Diskussionen für medizinische Zwecke im Sinne des Patienten genutzt werden können. Andere, zugelassene Arzneimittel erhalten mitunter eine erheblich größeres Suchtpotential (z.B. Morphine).

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