Leistungsgesellschaft: „Hier stehe ich und kann nicht anders“

Blut, Betrug und Lügen. Ab 10. Oktober wurde Sportgeschichte geschrieben. Der ehemalige Radprofi Tyler Hamilton warnte mit den Worten das man sich besser „anschnallen“ soll und der Vorsitzende der Amerikanischen Anti-Doping-Agentur Travis Tygard kündigte an, dass man „30 mal mehr“ erfahren würde, als man bisher wisse. Jetzt ist klar, sie haben nicht übertrieben.
Noch nie wurde eine solche Menge an Informationen über die schmutzige Kehrseite des Radsports öffentlich präsentiert. 26 Zeugen, darunter 15 Top-Radfahrer, elf davon Teamkollegen von Armstrong. Aussagen unter Eid, zahllose Emails, Unmengen an Belegen, Daten, Hintergründen.
Wer jetzt noch Zweifel hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Alle Radsportler sind Lügner und Betrüger.
Aber stimmt das eigentlich? Sind nur die Radsportler solche Gauner?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Arbeit war nie wichtiger als heute. Der soziale Status wird meist durch den Beruf definiert. Menschen ziehen für ihre Jobs durch die ganze Welt. Eine 80-Stunden-Woche dient oft als Beweis des eigenen Erfolgs. Unter anderem wurden bei dem Fernsehsender MTV Praktika verlost und unter den Teilnehmern von Jugend-Forscht wurde ein Sonderpreis in Form eines Forschungspraktikums verliehen. Man kann schon fast sagen, Arbeit gilt als Hauptgewinn. Arbeit ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft je mehr man hat, desto „besser“ ist man. Um in dieser Gesellschaft zu bestehen nehmen viele alle Hilfsmittel ob legal oder illegal in Kauf.

Hirnforscher arbeiten vor allem daran Krankheiten zu heilen dazu müssen sie das gesunde Gehirn besser verstehen sie arbeiten jedoch auch daran dessen Funktion zu verbessern. Taube Menschen können durch das Einsetzten von Neuro-Implantaten wieder hören und durch tiefe Hirnstimulation wird versucht schwere psychische und neurologische Krankheiten  wie Morbus Parkinson oder Depressionen zu lindern. Die Steuerung von Künstlichen Armen oder Beinen allein durch die Kraft der Gedanken würde vielen Betroffenen die Aussicht auf ein mobileres Leben bieten. Die Möglichkeit, psychische Krankheiten und körperliche Gebrechen durch neurotechnologische Eingriffe oder Implantate zu kurieren ist verführerisch und erschreckend zugleich.
Wo liegen die Chancen und die  Grenzen?  Was ist wenn diese Techniken bei gesunden Menschen eingesetzt werden und welche Auswirkung hätte dies auf unsere eigene Wahrnehmung, wenn einige unserer Körperfunktion durch Implantate oder Medikamente gesteuert werden?

Ich bin der Meinung, dass diese Grenze zur Schaffung eines optimierten Menschen schon längst überschritten ist. Oft kritisieren wir das Doping von Sportlern, welche durch Blut-, Gen- und Hormondoping versuchen ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Doch eigentlich ist die Manipulation am eigenen Körper ohne medizinische Indikation in unserer Gesellschaft tief verankert und damit vielleicht sogar indirekt legitimiert.
Keine Modeerscheinung
Robert Schumann sagte zu Beispiel: „Wenn ich betrunken bin oder mich erbrochen habe, so war am andren Tag die Fantasie schwebender und erhobener.“ Wie wir wissen hat er mit seiner Fantasie große Musikalische Werke erschaffen.  In einer Studie unter amerikanischen Orchestermusikern gaben 27 Prozent der Musiker an Betablocker einzunehmen. 19 Prozent gaben gar eine tägliche Einnahme zu. Jeder fünfte Musiker bekannte sich zu einem Alkoholproblem und weitere 5 Prozent zum Medikamentenmissbrauch.

Trägt das Sport- oder Orchesterpublikum eine Schuld an dieser Entwicklung? Nein, das echte Publikum nicht. Aber der normale Fernsehzuschauer dem das alles als Show vorgegaukelt wird und der niemals auf einem Rad gesessen oder ein Instrument gespielt hat schon. Er fällt über den gedopten Sportler oder den falschspielenden Musiker her, überein Idol, dass er eben noch angebetet hat.

Wer von uns hat sich nicht schon einmal eine Kopfschmerztablette eingeworfen um nach einer viel zu kurzen Nacht fit im Büro zu erscheinen. In Deutschland nimmt jeder einzelne durchschnittlich ca. eine Schmerztablette pro Woche ein.
International hat eine Onlinebefragung der Fachzeitschrift Nature für Aufsehen gesorgt. Bei der Befragung gaben 20 Prozent an, zur Steigerung von Konzentration und Gedächtnis ohne medizinische Indikation Medikamente eingenommen zu haben. In einer Umfrage der Zeitschrift Gehirn&Geist gaben 60Prozent an (nebenwirkungsfreie) Medikamente zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit einzunehmen. Medikamente sind der Normalfall. Drei von Fünf Eltern verabreichen ihrem Kind pro Monat mindestens ein Medikament. 19 Prozent der Kinder erhalten vorbeugende Präparate. 43Prozent der Eltern verabreichen ihren Kindern Arzneimitteln ohne vorher einen Arzt zu konsultieren. Eine Untersuchung an Schülerinnen und Schülern im Alter von 13-17
Jahren der Uni Koblenz zeigte, dass 7 Prozent wöchentlich Kopfschmerzmitteln und 4 Prozent wöchentlich Herz-Kreislaufmitteln einnehmen.

Die realistischste und bestumsetzbare Lösung  ist ein offener Dopingmarkt, da der potentielle Gewinn für einen Sportler bedeutend höher ist als die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden. Im Moment ist der größte Verlierer der ehrliche Sportler, der durch seine Ehrlichkeit nicht mehr konkurrenzfähig ist. (Trotz Doping weiterhin eine physische Herausforderung und nicht entmenschlichend man braucht weiterhin Mut, Entschlossenheit, Durchhaltevermögen und Willensstärke.) Die Doper müssen über gesundheitliche Folgeschäden aufgeklärt werden und die Krankenkassen dürfen für diese Folgeschäden nicht belastet werden.
Ende…
Das Hormon Testosteron was laut gängigen Klischees Männern zu Männern macht, soll unter anderem wie ein Bonner Wissenschaftler herausgefunden hat, ehrlicher machen. Wenn dem wirklich so ist, sollte man  dann nicht eine großzügige Testosteronabgabe auf Rezept an Politiker und Anwälte ermöglichen?
Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit…

Mit dieser Rede wurde ich beim Rhetorikwettbewerb „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ -Freie Rede in der Lutherkirche Radebeul veranstaltet von der Landeszentrale für politische Bildung, Radebeuler Couragepreis e.V. und der Lutherkirchgemeinde Radebeul am 21.11.2012 als Publikumssieger und als zweitplatzierter der Jurywertung ausgezeichnet.

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